Ich war immer eine Nomadin…

Bertie Ambach, die neue Geschäftsführerin von Hiketides, ist es gewohnt, international zu denken und zu arbeiten.
Nach vielen Jahren Tätigkeit im internationalen Kulturmanagement übernahm Frau Ambach im Juli 2023 die Geschäftsführungsagenden von Hiketides. Ihre Aufgabe ist neben der Administration, die Koordination des Teams, das Projektmanagement, Öffentlichkeitsarbeit und Strategieentwicklung in Zusammenarbeit mit dem ehrenamtlichen Vorstand, Ansuchen und Abrechnung von Subventionen und Förderungen, Vernetzung mit allen relevanten Einrichtungen vor Ort, national und international.
Liebe Bertie:
Was hat dich bewogen diese Stelle anzunehmen und damit auch in den Sozialbereich zu wechseln? Einen Bereich, der in den allermeisten Fällen mit Budgetsorgen kämpft und mit Erfolg und Anerkennung nicht verwöhnt wird?
Vorrangig die Überlegung mich nach 30 Jahren im internationalen Kunst -und Kulturbetrieb, in anderen Kontexten sinnvoll zu betätigen. Ich bin nach wie vor im EU-Förderbereich für Kunst und Kultur verankert. Auch dort ist der finanzielle Druck groß, und bestimmen Budgetsorgen einen nicht kleinen Teil der täglichen Arbeit!
In jungen Jahren habe ich mich vorbehaltlos im Umweltbereich und für den Feminismus engagiert. Nach Hainburg war ich Teil der sich formierenden Kräfte zur Gründung einer grünen Partei in Österreich, danach viele Jahre lang Geschäftsführerin der Grünen Partei im Bundesland Salzburg, auch war ich Mitglied des Bundesrats der „Grünen“. Soziale Themen und die Einhaltung der Menschenrechte standen damals immer im Focus der politischen Arbeit der Partei.
Ergänzend kann ich noch sagen, dass meine beiden Eltern als Flüchtlinge nach Österreich kamen. Meine beiden Schwestern und ich sind die 1.Generation der Familie die in Österreich geboren wurde. Über ihre Flucht sprachen meine Eltern nie.
Die Möglichkeit mein Können und meine langjährige Berufserfahrung in die Arbeit von Hiketides einbringen zu können, finde ich großartig! Ich freue mich sehr in diesem Rahmen ein kleines bisschen an der positiven Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft mitarbeiten zu dürfen!. Das Engagement der Gründer:innen, und der derzeit handelnden Personen im Verein, finde ich bewundernswert und sehr motivierend!
Wovon warst du beim Einstieg in die neue Tätigkeit überrascht?
Ich war überrascht über die Anzahl der verzweifelten, hilfesuchenden Menschen die sich an uns wenden. Des Weiteren darüber, wie wenig Fördermittel zur Verfügung gestellt werden! Menschlich gesehen ist das beschämend, finde ich. Die Frauen, Kinder und Männer die zu uns kommen, brauchen, nach traumatischen Fluchterfahrungen und dem Verlust ihres früheren Lebens, kurzzeitig Hilfe. Das sollte außer Frage stehen! Die Bereicherung unseres Lebens durch die Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Erfahrungen, kann nicht hoch genug geschätzt werden! Und, selbst volkswirtschaftlich betrachtet bringt ein verhältnismäßig kleiner Einsatz, ein mögliches großes Ergebnis. Die körperliche und psychische Gesundheit aller sollte einer reichen Gesellschaft ein vorrangiges Anliegen sein!
Den Grad einer starken, humanen, verantwortungsvollen Gesellschaft erkennt man am besten in ihrem Umgang mit den Schwächsten.
Welche Erfolgserlebnisse hast du bereits erlebt?
Beglückend finde ich das Erleben des großen Engagements der vielen Menschen die im Sozialbereich in Salzburg, in unterschiedlichen Strukturen, tätig sind!
Die Vorbereitungsgespräche für das Budget 2024 liefen bislang, auf Beamtenebene, sehr gut. Der wertschätzende Umgang miteinander bildet eine tragfähige Basis. Entscheiden wird freilich die Politik!
Was macht dir Sorgen?
Die Politik. International, national und lokal. Der Rechtsruck, der Vormarsch der Faschisten in vielen Ländern der Welt, nicht nur in Europa.
Die schwierige Medienlandschaft in Österreich, systemisch verankert in der Medienförderung. Die häufige Verleumdung und Hetze gegen Ausländer:innen, ganz allgemein, in Europa und darüber hinaus! Dazu kommt die wachsende Schwierigkeit Informationen einzuordnen, Stichwort „fake news“, und die , von jeglicher, seriöser journalistischen Arbeit weit entfernten, beliebten, und weltweit verwendeten, digitalen bzw. unsozialen Medien.
Die Kriege und die Zerstörung der Natur!
Was macht dir Freude?
Allen voran die gute Atmosphäre die vom gesamten Hiketides-Team ausgeht! Der respektvolle Umgang mit allen Menschen. Hervorheben möchte ich die Therapeut:innen, die Therapie in Erstsprache ermöglichen und Dolmetscher:innen die vor Jahren nach Österreich kamen, etliche von ihnen mit eigener Fluchterfahrung, die sich nun einbringen und Verfolgten und Verzweifelten bestmögliche „Starthilfe“leisten!
Was wünschst du dir für die nähere Zukunft im Arbeitskontext?
Eine offene, respektvolle, von Menschlichkeit geprägte, öffentliche Diskussion über die Entwicklung unserer Gesellschaft, die gemeinsame Definition von Zusammenleben. Einen politischen Diskurs über wünschenswerte Lebensformen und nachhaltige Wirtschaftsmodelle.
Daraus resultieren u.a. folgende Fragen:
Auf welcher Basis können sich unterschiedliche Kulturen befruchten? Bildungschancen? Wohnraum? Gesellschaftsübergreifende Angebote? Wie können wir einen gesellschaftlichen Konsens über die Verteilung der öffentlichen Mittel im Allgemeinen, und zur Verbesserung der Einstiegs -und Lebensbedingungen für geflüchtete Menschen im speziellen organisieren?