Mag. Michael Schreckeis
Überlegungen zu den Möglichkeiten eines Dialogs für schwer traumatisierte Menschen aus psychotherapeutischer Sicht.
Dialogbemühungen als friedenspolitische Grundbedingung
Friedens-gespräche zu führen und Dialoge zu beginnen sind friedenspolitische Voraussetzungen. Dabei werden gegensätzliche Positionen dargestellt, Verständnis für die Bedürfnisse der jeweils anderen Seite gefördert und, im Idealfall, kann ein Mindestmaß an Humanität gewährleistet werden. Was auf der friedenspolitischen Ebene eine Vorbedingung ist, bedeutet aber für Menschen, die Opfer von Kriegen und Misshandlungen sind, eine kaum zu bewältigende Herausforderung.
In der Aufarbeitung von sogenannten man-made-desastern, also Traumata, die durch das schuldhafte Verhalten anderer Menschen hervorgerufen wurden, zeigen sich die Grenzen des Dialogs. Menschen, die extreme Misshandlungen, Ohnmachtserfahrung, Verluste, Beobachtung von Gräueln (mit-)erlebt haben, reagieren häufig mit massiven Ängsten, völligem Unverständnis und gelegentlich auch mit offenem Hass gegenüber Tätern. Viele dieser Menschen lehnen einen Dialog auf persönlicher als auch auf politischer Ebene ab. Sie empfinden es sogar mitunter als „zynisch“, zu einem solchen eingeladen bzw. sogar aufgefordert zu werden. Sie fordern ihr Recht auf „Unversöhnlichkeit“. Es kann nicht zusammengefügt werden, was unwiderruflich zerbrochen ist. Das Unsagbare kann nicht zum Gegenstand von Gesprächen/Dialogen werden.
Trauma: die Vernarbung der Seele
Schwere Traumata haben massive Folgen auf die Beziehungs- und Dialogfähigkeit. Der Kontakt zu sich selbst und zu anderen ist gestört, viele Menschen können, als Folge schwerer Traumata, weder mit sich noch mit anderen in dialogische Beziehung treten.
In der therapeutischen Arbeit mit Menschen nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien hörte ich oft die Redewendung: „Krv nije voda“, „Blut ist kein Wasser“. Damit sollte, im damaligen Kontext, die Bedeutung der nationalen Zugehörigkeit unterstrichen werden. Blut ist etwas ganz Besonderes, etwas Wertvolles. Es ist nicht Wasser, von dem wir eh genug haben, das einfach so vergossen werden kann. Nein, Blut – in diesem Kontext die nationale Zugehörigkeit – ist etwas ganz Anderes: etwas Dickflüssiges, Gewichtiges, der Lebenssaft.
In der psychotherapeutischen Arbeit mit schwer Traumatisierten hat diese Redewendung aber noch eine weiterführende Bedeutung. Vergossenes Blut trocknet und verschwindet nicht so einfach und rückstandslos wie vergossenes Wasser. Tatsächlich vergossenes Blut hinterlässt nie wiedergutzumachende Narben und Wunden.
Beim Trauma geht es nicht um einen heute fast inflationär gebrauchten Begriff für eine belastende Erfahrung, der fast jeder Mensch in seiner Entwicklung ausgesetzt ist. Hier geht es um das Erleben oder Mit-erleben einer existentiellen Bedrohung der eigenen körperlichen, mentalen und psychischen Unversehrtheit. Ein solches Erlebnis erschüttert das Grundvertrauen existentiell. Abwehr- und Schutzmechanismen, die Menschen sonst zur Verfügung stehen, versagen. Dies führt zu den klassischen Symptomen wie Albträumen, plötzlich ins Bewusstsein drängenden Erinnerungen, Gefühlen von Stumpfheit oder auch Vermeidung von Situationen, die schmerzhafte Erinnerungen wachrufen könnten. Manchmal genügen geringfügige sinnesspezifische Wahrnehmungen, um sogenannte flash-backs, (Nachhallerinnerungen), in der Situation selbst scheinbar inadäquate, körperliche und psychische Reaktionen auszulösen. Diese sind allerdings verständlich als Folgen von extremer Traumatisierung, die manchmal nicht nur als posttraumatische Belastungsstörung (F43.1 nach ICD10), sondern als andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung (F62.0 nach ICD10) einzustufen sind. Bei manchen Menschen kommt es auch zu aggressiven, unerwarteten Impulsdurchbrüchen oder rätselhaften Panikzuständen, erhöhter Aufmerksamkeit und Ängstlichkeit. Auch Selbstmordgefahr, Drogenprobleme und Depressivität sind nicht selten. Am schwierigsten zu bemerken ist eine ausgeprägte Unauffälligkeit und Überangepasstheit, um jeden Zusammenhang mit dem erlebten Trauma vergessen zu machen.
Eine gelingende Behandlung nach Traumata erfolgt in mehreren Stufen: Sicherheit, Stabilisierung, Konfrontation, Integration. Erfahrungen zeigen allerdings, dass es vor allem um die Begleitung auf den ersten beiden Stufen geht. Es kann gelingen, Menschen zu begleiten, für sie da zu sein, gleichsam stellvertretend Sprache für Unaussprechliches zur Verfügung zu stellen. Oft ist Suizidverhinderung ein letztes Ziel, oder die Vermeidung von Kollateralschäden innerhalb der Familien. Gewalttätigkeit, Sucht und Depression belasten viele Angehörige. Das Leben vieler Klient*innen – bei Opfern durch den Feind bzw. die erlittenen Geschehnisse, bei Tätern durch die Schuld ist dauerhaft verletzt, wenn nicht zerstört. Ein Dialog ist dadurch verhindert.
Die Sprache des Körpers
„Ich begreife, dass er nicht weiß, dass so etwas nicht erzählt werden kann, und ich möchte ihm auch gern den Gefallen tun; aber es ist eine Gefahr für mich, wenn ich diese Dinge in Worte bringe, ich habe Scheu, dass sie dann riesenhaft werden und sich nicht mehr bewältigen lassen. Wo blieben wir, wenn uns alles ganz klar würde, was da draußen vorgeht.“
In diesem Zitat aus dem 1928 verfassten Roman von R. M. Remarque formuliert der Protagonist Paul Bäumer die Unmöglichkeit, seine Erlebnisse an der Front mitzuteilen.
So wie es für Opfer meist unerträglich ist, sich und die Umwelt mit den erlebten Situationen zu konfrontieren, so ist es noch seltener möglich, dass Täter über ihre meist in Ausnahmesituationen begangenen Untaten sprechen. Schuldgefühle und Scham sind häufig zu bedrohlich. Nicht wieder gutmachbare Schuld, „vergossenes Blut“, ist kaum aussprechbar. Entlastender ist es, in psychotische Symptome, schwere Depressionen oder rätselhafte Somatisierungen zu fliehen. Implizit (sprachlos) sind sie als isolierte körperliche Phänomene wie Schmerzen, isolierte psychische Fragmente wie Albträume, Dissoziationen oder Impulse präsent. Sowohl in der psychotherapeutischen Arbeit mit Tätern als auch mit Opfern ist das Benennen, Besprechen, Verbalisieren existentiell und schwierig. Manchmal wissen nicht einmal die engsten Angehörigen von traumatisch Erlebtem.
„Die Vergangenheit hat eine lange Zukunft“1
Dialogfähigkeit setzt voraus, sich in eine andere Perspektive versetzen zu können, also empathisch zu sein, Dies vorschnell von Opfern schwerer Traumata zu erwarten, ist eine Überforderung. Psychotherapeutische Prozesse der Aufarbeitung von Gewalt mit dem Ziel eines Dialogs gelingen nicht in der stillen therapeutischen Kammer. Sie dürfen nicht losgelöst werden von einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
Die psychologische Dimension der Dialogfähigkeit kann also nur auf Basis einer kulturellen, rechtlichen, politischen und ökonomischem Aufarbeitung stattfinden. Nur so gerät sie nicht in den Verdacht des Verschweigens und der Unterdrückung der Wahrheit durch vorschnellen Dialog und Versöhnungsansprüche.
Es ist unabdingbar für das psychische Überleben der Opfer, dass erlebtes Unrecht (öffentlich) benannt und anerkannt wird. Die historische Erforschung und damit Außer-Streit-Stellung von Fakten sowie eine Bestrafung von Täterinnen sind notwendig. Es ist Aufgabe aller gesellschaftlichen Einrichtungen, in Sprache, Symbolik und Strukturen des öffentlichen Lebens, Alternativen zu Rache und Modelle für eine dialogische Kultur zu entwickeln. Erst unter dieser Voraussetzung kann – therapeutisch begleitet – der Weg zu einer „Re-Humanisierung“2 gelingen, indem auch Täter in ihrem Schmerz, in ihrer Reue und damit in ihrem Mensch-sein anerkannt werden können und für die Opfer eine psychische Integration von Vergangenheit und Zukunft gelingen kann.
Michael Schreckeis, geb. 1961, Psychoanalytiker in Salzburg, Mitarbeiter der Sexualberatungsstelle Salzburg sowie beim Projekt Hiketides, Psychotherapie für geflüchtete Menschen.
Im Rahmen des Symposiums am 21. Oktober 2022 | ARGEkultur Salzburg
Dialog über Grenzen- Grenzen des Dialogs.
veröffentlicht in: https://www.friedensbuero.at/wp-content/uploads/2022/10/2203-kranich-digital.pdf
1Kneifel, T. (2000). Die Vergangenheit hat eine lange Zukunft. Wiederholungszwänge im Umgang mit gewaltsamer Vergangenheit. Kurzversion in: WFD Querbrief 2/2000, Mai, S. 11-13. URL:http://www.woek.de/pdf/kasa_vergangenheit_hat_lange_zukunft.pdf
2 Gobodo-Madikizela, P. (2006). Das Erbe der Apartheid – Trauma, Erinnerung, Versöhnung. Opladen&Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.