Mag. Michael Schreckeis
Juli 2023
Frau M. kommt wie jede Woche zur Therapiestunde. Sie sieht die „Rose von Srebrenica“ im Therapiezimmer des Therapeuten. Dies ist eine Häkelarbeit aus weißem Garn, mit einem gründen Kern in der Mitte.
Frau M. zeigt ihre Berührtheit und befragt den Therapeuten, wie er zu diesem Zeichen komme. Es ist ein Symbol der Anteilnahme rund um die Geschehnisse von Sebrenica bzw. meiner Teilnahme am Marš Mira.
Am sogenannten marš mira (Marsch des Friedens) nehmen jährlich mehrere tausend Menschen teil, um des Genozids, der im Juli 1995 stattfand, zu gedenken. Der größte Teil von ihnen stammt aus Bosnien selbst oder der weitverzweigten bosnischen Diaspora. Viele Teilnehmenden haben persönliche Bezüge zur Gegend und/oder dem Genozid. Die demografische Zusammensetzung ist relativ jung und stark männlich geprägt, was sich auch in der Organisation – beispielsweise mangelhaften hygienischen Möglichkeiten für Frauen – ausdrückt. Die ganztägigen Wanderetappen sind körperlich herausfordernd und immer wieder unterbrochen durch Checkpoints, an denen Wasser, Obst und Süssigkeiten verteilt wird und Sanitäter:innen bereit stehen. Während des Weges gibt es Pausen, an denen über Lautsprecher Inputs gehalten werden. Jeden Abend im Zeltlager finden auf einer Bühne Lesungen und Podiumsdiskussionen statt, in denen Aspekte des Genozids erörtert werden. Augenfällig ist die große Zahl von Überlebenden, die nicht nur teilnehmen, sondern auch aktiv im Programm teilnehmen. Organisiert wird der Marsch und die große Gedenkveranstaltung in Potočari von einem eigenen Verein, unterstützt durch den bosnischen Staat und externe Spenden. Die bosnische Armee übernimmt unterstützende Aufgaben, so baut sie die Lagerplätze auf und transportiert Gepäck der Teilnehmenden.
Srebrenica 1995
Die Situation in Srebrenica vor dem Genozid war verworren und komplex. Bereits 1992 wurde die kleine Ortschaft, mit etwa 60.000 Einwohner:innen vor dem Krieg, von bosniakischen Truppen gegen die bosnisch-serbische Übermacht gehalten, die den an der bosnisch-serbischen Grenze gelegenen Ort einschlossen. Tausende aus ganz Ostbosnien flohen in die wenigen Gebiete, die noch bosniakisch kontrolliert waren, so auch nach Srebrenica. Die humanitäre Situation in Srebrenica und in den anderen Enklaven spitzte sich dramatisch zu, verstärkt durch serbische Verbände, die Flüchtende in die Enklaven trieben. Nach viel verstrichener Zeit und halbherzigen Versuchen der UNO, das Problem in den Griff zu bekommen, entschlossen sich die UNO im Frühjahr 1995, das neu geschaffene Konzept der „Schutzzonen“ einzusetzen. Dieses beinhaltete die Stationierung internationaler Truppen, um einen sicheren Aufenthaltsort für Flüchtende zu schaffen. Die dazugehörige UN-Resolution war aber schwammig formuliert und erteilte den stationierten niederländischen Truppen nicht den Auftrag, die Schutzzonen auch militärisch zu verteidigen. Dazu wären diese auch quantitativ und qualitativ gar nicht in der Lage gewesen. Die internationale Gemeinschaft setzte also ausschließlich auf Abschreckung. Die Führung der bosnischen Serben unter General Ratko Mladić, nutzte dies aus und hielt die niederländischen Soldat:innen als Geiseln, um Luftschläge der NATO zu verhindern. Schlussendlich gab die UNO auf und ging auf Mladić´s Forderungen ein. Die UNO-Kontingente würden sich zurückziehen, die Zivilistinnen in bosniakisches Gebiet evakuiert und die bosniakischen Männer sollten sich vor der Evakuierung einer Durchsuchung durch die bosnisch-serbische Armee unterziehen, um herauszufinden, ob nicht „Kriegsverbrecher“ unter diesen seien. Die UNO sammelte die Waffen der Bosniak:innen in Srebrenica ein. Dann wurden fast alle der „zu untersuchenden“ Männer jeden Alters ermordet. Viele trauten den Zusagen Mladić´s jedoch nicht und waren schon davor geflohen. In kleineren Gruppen, aber auch in größeren Kolonnen machten sich bis zu 10.000 Menschen zu Fuß auf den Weg in das rund 100km entfernte bosniakisch kontrollierte Gebiet. Auch jetzt machten serbische Einheiten Jagd auf sie und töteten Tausende. Nach derzeitigem Wissen fielen den bosnisch-serbischen Truppen 8.372 Menschen zum Opfer. Noch heute werden Massengräber gefunden, viele Menschen werden immer noch vermisst.
Innerhalb des komplexen bosnischen Staatsgefüges nimmt Srebrenica eine wesentliche Rolle für eine bosniakische bzw. muslimische Identität ein. Die geteilte, kollektive Erfahrung des Genozids und der rassistischen Verfolgung durch den serbischen Aggressor drückt sich auch im Zitat des Überlebenden Osman aus, der in einer berührenden Ansprache sagte: „Ich versuche meinen Kindern Liebe und nicht Hass zu vermitteln. Aber dennoch haben wir gelernt, unsere Waffen nie mehr abzugeben. Aber verändert die ökonomischen Verhältnisse, gebt den Menschen gute Arbeitsplätze, dann kann auch der Hass geringer werden.“
In diesem Sinne ist das Gedenken an den Völkermord in Srebrenica ein Symbol für das Überleben und das Weiterexistieren des multiethnischen Bosniens.
Frau M. ist es mithilfe therapeutischer Begleitung bei Hiketides gelungen, sich in Gesellschaft und Arbeitswelt zu verankern. Die „Rose von Srebrenica“ löste Erinnerungen an früher Erlebtes aus, wie die Umstände ihrer Flucht und der Verlust geliebter Angehöriger. Das Zeichen der Solidarität aktivierte allerdings auch Traumata durch andere aktuelle Erlebnisse: wenn z.b. der serbische Bürgermeister die „Müttern von Srebrenica“ des Hasses beschuldigt, wenn von geflüchteten Menschen immer noch als von einer „Welle“ gesprochen wird, die über „Österreich hereinbricht“ und gegen die man sich schützen müsse, wenn die Anerkennung von Kompetenzen und Zertifikaten kaum zu bewältigende Hürden darstellen.
Die Rose von Srebrenica ist ein Zeichen der Solidarität und der Forderung, den Genozid als solchen anzuerkennen – und sie hat auch Platz im Therapiezimmer.
Die Anerkennung politischer Umstände als Man-made-Traumata ist eine Grundlage der therapeutischen Arbeit mit geflüchteten Menschen. Die dadurch traumatisierten Menschen sind nicht Opfer einer Erkrankung, sondern Opfer von Krieg, Flucht, Folter und unfreiwilliger Migration. In der Arbeit mit Tätern gilt es, Verstehensprozesse für das eigene Verhalten in Gang zu bringen und Verantwortung zu übernehmen.
Michael Schreckeis, Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Mitbegründer von Hiketides, Vorstandsmitglied und Supervisor
September 2023