Mag.a Petra Digruber
… eine Chronistin unseres Vereins
Petra Digruber war maßgeblich an der Gründung und Weiterentwicklung des Vereins Hiketides beteiligt, als Geschäftsführerin und als Therapeutin. Im Dezember 2021 legte sie die Agenden als Geschäftsführerin zurück, im August 2023 verabschiedete sie sich auch als Therapeutin von Hiketides.
Dies ist der Anlass zurückzuschauen und ihre Leistung zu würdigen.

Im Jahre 2015 wurde Hiketides gegründet, damals unter der Plattform für Menschenrechte. Was hat dich damals zur Mitarbeit bewogen?
Das liegt schon einige Zeit zurück… Im Gespräch mit einem Kollegen wurde ich 2016 erstmals auf das Therapieprojekt Hiketides aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt war ich selbst gerade „neu“ in Salzburg angekommen und habe mit der psychoanalytischen Therapieausbildung begonnen. Da ich mich ja schon mehrere Jahre beruflich mit dem Thema Flucht und Asyl in unterschiedlichen Kontexten beschäftigt hatte, wurde ich neugierig auf dieses innovative und relativ „junge“ Projekt, welches Psychotherapie mit Dolmetschunterstützung für Geflüchtete anbot. Es war gerade die Zeit, in der viele Geflüchtete aus Syrien nach Österreich kamen.
Es gab den dringenden Bedarf nach Psychotherapie und ich wollte mich gerne engagieren, einbringen und sozial vernetzen. Der Weg zu Hiketides war geebnet. Michael Schreckeis, Psychoanalytiker und Gründungsmitglied von Hiketides, war bei meinem Einstieg ins Projekt in fachlicher und persönlicher Hinsicht ein Förderer der ersten Stunde. Genauso wie Ursula Liebing, die damalige Projektleiterin, ebenfalls Gründungsmitglied von Hiketides und Mitglied der Plattform für Menschenrechte, an deren Seite ich im organisatorischen und administrativen Bereich zuerst ehrenamtlich, dann angestellt mitarbeiten konnte. Die menschenrechtspolitische Positionierung von Hiketides als Basis des gemeinsamen Arbeitens sprach mich dabei besonders an und ist auch in der Arbeit mit Geflüchteten ein wesentlicher Aspekt.
Was hat es dir möglich gemacht, so viel Energie und Kraft für den Aufbau des Vereins einzusetzen?
Als 2018 aus dem vormaligen Projekt Hiketides der Plattform für Menschenrechte der Verein Hiketides gegründet wurde, war dies ein wichtiger Schritt in der Geschichte von Hiketides. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, wie es ein kultursensibles Psychotherapieangebot für Geflüchtete in Salzburg ist, kenne ich mich als aktive und engagierte Person und nehme gerne Herausforderungen an. Psychisch belastete Menschen benötigen zeitnah professionelle Unterstützung und Behandlung, damit sich deren Leiden nicht chronifiziert. Das war und ist das Ziel von Hiketides und die Triebfeder für alle, die mitarbeiten. Die zahlreichen Erstgespräche und Psychotherapien mit teilweise stark traumatisierten Geflüchteten aus Kriegs- und Krisenländern machten es offensichtlich, wie notwendig ein therapeutisches Angebot ist, welches den Betroffenen kostenfrei und möglichst rasch zur Verfügung steht. Die Sinnhaftigkeit ist immanent und setzt vielleicht auch deshalb viel Kraft frei.
Die organisatorische und administrative Aufbauarbeit machte Freude und es war schön mitzuerleben, wie der Verein und das Team mehr und mehr Gestalt annahmen. Wir vernetzten uns mit wichtigen Partnern wie NIPE und unser qualitativ hochwertiges Therapieangebot für Geflüchtete wurde zusehends zu einem fixen Bestandteil der therapeutischen Landschaft in Salzburg. Die Gefahr sich zu überarbeiten war groß, da der Arbeitsaufwand beträchtlich war und ohne Ehrenamt auf allen Seiten dieser wohl nicht zu bewältigen gewesen wäre. Der Aufbaugeist, die Überzeugung von der Sinnhaftigkeit des Angebotes und das Miteinander waren dabei hilfreich.
Für die Aufbauarbeit eines Vereins sind viele Personen mitverantwortlich, weshalb auch bei Hiketides Teamarbeit und der Fokus auf Teamentwicklung wichtig waren und sind.
Die enge Zusammenarbeit mit erfahrenen KollegInnen vom ehrenamtlich arbeitenden Vorstand, dem TherapeutInnen- und DolmetscherInnenteam, mit Jasmina Dubravac und PraktikantInnen war entscheidend für die positive Vereinsentwicklung.
Die Energie, welche in die Vereinsarbeit fließt, zeigt sich unter anderem in der Vielfalt der Programme, der Zahl der Therapiestunden, der Qualität der Arbeit, dem Fortbildungsangebot etc. So ist es ein schöner Erfolg zu sehen, dass der Verein „gedeiht“ und weitere Projektkomponenten etabliert werden konnten, wie das BFI Projekt für SchülerInnen mit Fluchthintergrund, das muttersprachliche Therapieangebot und zuletzt das RESET Projekt, mit jeweils unterschiedlichen Fördergebern.
Welche Stolpersteine gab es?
Der Verein ist spendenbasiert, was bedeutet, dass ein gewisser Prozentsatz des finanziellen Volumens über Spenden zu lukrieren ist. DolmetscherInnen sind für die therapeutische Arbeit mit Geflüchteten immens wichtig, sie ermöglichen diese oft erst. Die Dolmetschkosten waren beispielsweise nicht über öffentliche Fördergelder abgedeckt, weshalb es uns gelingen musste, SpenderInnen zu gewinnen.
Damit verbunden steht der Druck, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen zu organisieren, die auf die Anliegen des Vereins aufmerksam machen. Das bedeutete für einen kleinen Verein, wie es Hiketides ist, auch immer einen deutlichen Mehraufwand. Ich erinnere mich gerne an ein Benefizkonzert im Schloss Mirabell – der Erfolg war enorm! Unser Verein erfuhr einen Bekanntheitsschub und wir trafen auf ein spendenfreudiges Publikum. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn das Therapieprojekt zur Gänze über öffentliche Fördermittel abgedeckt und abgesichert ist.
Welche spezifischen Herausforderungen siehst du in der therapeutischen Arbeit mit geflüchteten Menschen?
Die Unsicherheit des Asylverfahrens und die latente Angst vor Abschiebung sind ständige Begleiter der KlientInnen und wirken sich oft zusätzlich sehr belastend auf deren psychische Situation aus. Diese Themen tauchen vielmals in den Gesprächen auf. Als PsychotherapeutIn ist man oft mit der eigenen Hilflosigkeit konfrontiert, die es auszuhalten gilt. Oft verspürt man stärker als in anderen Therapien Impulse, aktiv werden zu wollen, jedoch ist die Rolle der Therapeutin eine andere. Die regelmäßigen Supervisionsgespräche sind eine notwendige Möglichkeit zu reflektieren und Abstand zu gewinnen.
In der kultursensiblen Therapie denke ich, dass es besonders notwendig ist eine aufgeschlossene und fragende Grundhaltung zu bewahren, um sich wechselseitig dem Fremden in einem selbst und im anderen sprachlich anzunähern.
Eine Besonderheit stellt auch die sprachliche Herausforderung dar. Die Arbeit mit DolmetscherInnen ist ein Spezifikum und man arbeitet sozusagen in der Triade mit eigener Beziehungsdynamik. Diese Dreierbeziehung bleibt für die Zeit der Therapie aufrecht und bietet den nötigen stabilen und vertraulichen Rahmen, Therapiegespräche führen zu können. Die Schulung und Supervision, nicht nur von TherapeutInnen, sondern auch von DolmetscherInnen sind sehr wichtig, damit sie Schwierigkeiten beim Dolmetschen und im therapeutischen Geschehen aus ihrer Sicht reflektieren können.
Gibt es Menschen, Schicksale, Therapieprozesse, die dich besonders beeindruckt haben?
Ja, viele werden mir in Erinnerung bleiben. Ohne hier auf einzelne Personen einzugehen, finde ich es berührend,
wenn Trauerprozesse in Gang gesetzt werden, versteinerte Emotionen aufbrechen, kreatives Potential freigesetzt wird;
wenn Ausbildungs- Schulkarrieren und berufliche Perspektiven sich entfalten können, eigene Gefühle artikuliert werden können und Ängste bewältigbar werden;
wenn Menschen dem langen Asylprozess standhalten und es geduldig aushalten;
wenn Emanzipationsprozesse stattfinden können und es wieder gewagt wird, an die Zukunft zu denken, Menschen sich verlieben und sich auf ein neues Wagnis einlassen;
wenn Klienten es wagen, die Therapie ohne Dolmetscher fortzusetzen, wenn auch in holprigem Deutsch;
wenn langsam wieder Vertrauen geschöpft wird, Menschen sich weniger fremd fühlen im Aufnahmeland, sich manchmal auch wieder sicher fühlen können;
wenn eine Brücke geschlagen wird zum „vergangenen Leben“, die abgetrennte Familiengeschichte im Herkunftsland wieder Teil der eigenen Lebensgeschichte werden darf und gewürdigt wird.
Mit welchem Gefühl blickst du auf die fast 7 Jahre Arbeit bei und für Hiketides zurück?
Mit Großteils positiven Gefühlen! Mit Freude und Dankbarkeit, es mischen sich aber auch etwas Wehmut und Erleichterung bei. Ich erinnere mich an viele Gespräche und Begegnungen mit KlientInnen und KollegInnen, ich erhielt Einblicke in Fluchtgeschichten aus einer sehr persönlichen Sicht und konnte teilhaben an psychotherapeutischen Verläufen. Für die Weiterentwicklung meiner psychotherapeutischen Fähigkeiten war die Mitarbeit bei Hiketides ein großes Lernfeld.
Es ist auch wohltuend zu merken, wie viele Personen mit großem Engagement es in unserer Gesellschaft gibt.
Ich sah es auch als Privileg an, mit Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten zusammenzuarbeiten, mit Menschen aus dem sozialen, medizinischen und politischen Bereich in Kontakt zu kommen, sich zu vernetzen und auszutauschen. Die Arbeit bei Hiketides war für mich weitaus mehr als nur ein „Job“.
Petra, Ich danke dir für das Gespräch und für deine Arbeit bei Hiketides.
Hildegard Schreckeis-Nägele, Vorstandsmitglied