Reset: Beispiele aus der Praxis

August 2025

Ein Neustart ist möglich

Herr H. erlebte in seinem Leben sehr viel Gewalt. Schon als Kind ist er massiver Gewalt ausgesetzt und wird zum Kindersoldaten ausgebildet. Darüber kann er ( noch )nicht sprechen, sehr wohl aber von den Überfällen, denen er ausgesetzt war, von den Schlägen auf seinen Kopf, auf sein Ohr, auf seine Nieren.

Auf vielen Stationen seines Lebens, quer durch Europa, aber begleitet ihn der Wunsch nach Frieden im Herzen und in seinem Lebensumfeld. Die äußeren Bedingungen verändern sich zum Positiven, er bekommt einen Aufenthaltstitel, eine Arbeit und kann in einer eigenen kleinen Wohnung leben. Nur leider kommen die inneren Stimmen nicht zur Ruhe. Er verlässt das Haus nur ungern, weil er Angst hat vor Reizüberflutung und der Wut, die ihn dann überkommt. Niemandem möchte er schaden oder weh tun, lieber bleibt er allein.

Die Therapie wird zum Ort der Ruhe und des Vertrauens. Dort gelingt es, seine Wut, als Folge des Lebensschmerzes, zu besprechen und damit zu zügeln. Es gelingt – in Ansätzen- ein Neustart! Nichts kann rückgängig gemacht werden, sehr wohl aber kann den Erfahrungen von Verrat, Gewalt und Ungerechtigkeit ein Raum gegeben werden, in dem diese besprechbar werden. Damit verlieren die „Dämonen“, die schlaflos und aggressiv machen, ihre Macht. (HSN)


Wörter statt Wut

Herr K. absolviert nach außen hin erfolgreich eine Lehre.Er „funktioniert“, sein Lehrherr ist zufrieden mit ihm, hat er doch keine Krankenstandstage, ist äußerst pünktlich und bemüht sich, alle Anforderungen zu erfüllen. Sowohl Spracherwerb als auch Berufsschule meistert er mit Erfolg.

Seine Seele allerdings schreit nach Hilfe. Schlaflosigkeit und massive Ängste plagen ihn. Die geringste Unregelmäßigkeit des Alltags führt zu großem Stress. Er selbst macht sich auf die Suche nach einer therapeutischen Unterstützung, wird aber vorerst mangels Ressourcen an andere Stellen überwiesen, und – seinem Eindruck nach- mit einer zwar langen, aber nicht hilfreichen Liste abgespeist. Wieder fühlt er sich schlecht behandelt. Wieder fühlt er seine Ohnmacht, die sich in einer heftigen Wut äußert.

Er selbst erkennt, dass ihn diese Wut krank macht. Gegen sich selbst gerichtet führt sie zu Schlaflosigkeit, die Angst, diese gegen andere zu richten, führt dazu, dass er sich „im Haus einsperrt“. Einzig die Arbeit gibt ihm Halt und Struktur. Endlich – im „Reset-Programm – gelingt ihm die Versprachlichung seiner Wut. Er lernt Ursachen und Auslöser seiner Wut zu differenzieren kennen und macht die Erfahrung, dass Vertrauen und Begegnung möglich sind und „weicher“ machen. Angst und Ohnmachtsgefühle können besprochen werden und müssen sich nicht in einer (diffusen) Wut manifestieren. (HSN)


Der Gewalt entfliehen

Eigentlich hatte Frau X. ein schönes Leben in Syrien. Sie lebte mit ihrer Herkunftsfamilie in einem kleinen Dorf, lernt später ihren Mann kennen und sie gründen eine eigene Familie. Dann beginnt der Krieg. Er scheint erst weit weg, kommt aber schneller als gedacht auch ins Dorf. Bomben fliegen über das Haus. Bomben treffen das Haus. Es gibt auch bald nicht mehr genug zu essen. Zeitweise war es nicht möglich das Haus zu verlassen. Es besteht viel Angst. Es passieren unaussprechliche Dinge. Sie müssen ihre Heimat verlassen. Zuerst in die Türkei, dann nach Österreich. Das Ziel ist, der Gewalt zu entfliehen.

In Österreich sind Frau X. und ihre Familie gut angekommen. Sie lernt schneller als andere Deutsch. Dann passiert in Österreich ein Gewaltverbrechen. Ein Gewaltverbrechen verübt an jemandem aus ihrer Familie. Die Familie wird abermals aus den Angeln gehoben. Auch der starken und selbstbewussten Frau X. wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie braucht psychiatrische Hilfe. Sie braucht Sozialhilfe. Sie braucht Zeit, um wieder selbstwirksam zu werden. Sie kann kaum über die vielen schrecklichen Erlebnisse sprechen. Sie tut es trotzdem. Sie kämpft gegen die Antriebsschwäche an, indem sie aufsteht, alles für ihre Familie organisiert und den Anordnungen der Ärzte folgt.

Sie kämpft sich mit viel Mut und Kraft in ein neues Leben. Wieder einmal. (STa)