„Ziel ist es, Esklalationen zu vermeiden und stattdessen sanftere Begegnungmöglichkeiten zu erarbeiten“
Christoph Schwarz
Ti Liu Madl (Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin) im Gespräch mit Christoph Schwarz (Theapeut bei Hiketides) über die spezifischen Herausforderungen beim Projekt Reset
August 2025
T. L.-M.: „Hallo Herr Schwarz, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, dieses Interview mit mir zu führen.
C. S.: Hallo! Sehr gerne. Vielleicht können wir das Interview so gestalten, dass wir gemeinsam über unser Projekt „Reset” nachdenken. Wir könnten gemeinsam nach Antworten auf Fragen suchen, wie z. B.: Gibt es spezifische Aspekte bei der Arbeit mit diesen Klienten? Was sind die Foki in dieser therapeutischen Arbeit und welche Schwierigkeiten treten typischerweise auf?
T. L.-M.: Das ist eine sehr gute Idee. Seit wie lange arbeiten Sie beim Verein Hiketides?
C.: S.: Ich arbeite seit sechs Monaten bei Hiketides und betreue derzeit vier Klientinnen und Klienten, die Flucht- und Gewalterfahrungen hinter sich haben.
T. L.-M.: Welches Thema beschäftigt Sie in dieser Arbeit am meisten?
C. S.: Am meisten beschäftigt mich das Thema Verlust. Der Verlust der Heimat und der Zugehörigkeit. Die eigene Welt, die Sprache und ein Leben in seinem gesamten kulturellen Kontext zu verlieren. Dieser unvorstellbare Verlust macht es den Betroffenen auch so schwer, sich in der neuen Welt, also Österreich, zurechtzufinden.
T. L.-M.: Das überrascht mich. Das Gemeinsame unserer Reset-KlientInnen sind ihre traumatischen Gewalterfahrungen. Wenn wir an ein Trauma denken, fällt uns das Stichwort „Verlust” normalerweise nicht als Erstes ein.
C. S.: Das stimmt. Aber auf der Flucht haben Gewalterfahrungen unterschiedliche Geschichte. Es gibt Fluchtwege mit extrem traumatischen Erfahrungen im klassischen Sinne: Folter, körperliche Gewalt usw. Es gibt aber auch subtilere Traumatisierungen, z. B. das eigene Land abrupt verlassen zu müssen oder die extreme Unsicherheit im Herkunftsland, die die Menschen veranlasst, sich überhaupt auf den Fluchtweg zu begeben. Diese Erfahrungen erscheinen auf der manifesten Ebene zwar weniger dramatisch, haben aber ebenso traumatisierende Wirkungen.
T. L.-M.: Widerspiegelt sich die Unterscheidung zwischen klassischen und subtileren Traumata auch auf symptomatischer Ebene?
C. S.: Meine Erfahrung ist, dass die typischen Symptome einer Traumafolgestörung, wie sie im Lehrbuch beschrieben werden, eng mit körperlichen Gewalterfahrungen wie Folter, körperlicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch verbunden sind. Meine Klientinnen und Klienten, die diese Gewalterfahrungen hinter sich haben, haben oft Flashbacks. Intrusive traumatische Bilder drängen sich ihnen unerwartet auf, z. B. in alltäglichen Situationen oder beim Einschlafen.
T. L.-M.: Und wie sieht es bei der subtileren Traumatisierung aus?
C.S.: Bei der subtileren Traumatisierung geht es in der Therapie oft um die Fluchterfahrung als Entwurzelung: das Eigene zurücklassen zu müssen, lang anhaltende Unsicherheit und Desorientierung auf dem Fluchtweg, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, und Ohnmacht.
T. L.-M.: Wie äußert sich dies auf der symptomatischen Ebene?
C. S.: Gute Frage. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Was konnten Sie beobachten?
T. L.-M.: Ich frage mich gerade, ob sich das eher in depressiven Symptomen widerspiegelt.
C. S.: Depressive Symptome? Das ist ein interessanter Gedanke. Da fällt mir ein, dass es in der therapeutischen Arbeit mit diesen KlientInnen oft darum geht, etwas in Angriff zu nehmen und angebotene Möglichkeiten zu erkennen und zu ergreifen.
T. L.-M.: Sie meinen die Entwicklung von einer passiven zu einer aktiven Haltung gegenüber sich selbst und der Außenwelt.
C. S.: Ja, und dies ist sehr individuell. Einige Personen schaffen diese Umwandlung besser als andere. Auch Unterschiede zwischen Mann und Frau lassen sich beobachten.
T. L.-M.: „Wer tut sich da leichter, Mann oder Frau?”
C. S.: Um eine allgemeine Aussage zu machen, müsste ich vielleicht über einen größeren Erfahrungsfundus verfügen. Meine persönlichen Erfahrungen bis jetzt sind, dass Männer sich oft schwertun. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
T. L.-M.: Meine Erfahrungen sind ähnlich wie Ihre. Ich frage mich, ob die narzisstische Kränkung, die unbewussten Widerstand verursacht, eine Rolle spielt. Viele Frauen hatten in ihren Herkunftsländern wenige Chancen, sich zu entfalten. In Österreich nutzen sie die neuen Chancen, um den bisherigen Mangel auszugleichen. Wohingegen viele Männer ein anderes Selbstbild und damit andere Ansprüche haben. Auf den bisherigen Status oder gar Prestige in welcher Form auch immer zu verzichten, ist schmerzhaft für den Selbstwert. Sie müssen mit vielen schwierigen narzisstischen Affekten wie Scham oder Neid zurechtkommen.
C. S.: Ob es mit der narzisstischen Kränkung zu tun hat, muss ich erst einmal darüber nachdenken. Ich beobachte bei meinen Klienten eine wiederkehrende Erzählung, nämlich die ambivalenten Gefühle gegenüber unserem Rechtsstaat. Einerseits erleben sie den Rechtsstaat als sicherheitsgebend, andererseits fühlen sie sich durch die Bürokratie in ihrer Freiheit, was den Aufbau der eigenen Existenz betrifft, eingeschränkt oder gar behindert. Nur um einige Beispiele zu nennen: die Ausbildung, Qualifikationsnachweise und Formulare. Dies verunsichert sie und bereitet ihnen Schwierigkeiten, ihre männliche Rolle, z. B. als Familienernährer, auszuleben.
T. L.-M.: Das sind Brüche in der Identität. Sie müssen sich nicht nur in der Außenwelt, sondern auch in ihrem Inneren zurechtfinden. Gibt es noch andere, traumabedingte Schwierigkeiten, die es ihnen unmöglich machen, ihr bisheriges Selbstbild aufrechtzuerhalten?
C. S.: Ein weiteres wichtiges Thema ist die Aggression. Was ich wiederholt höre, ist, wie schnell ihre Aggression durchbricht, wenn sie sich bedroht fühlen. Das heißt, sie reagieren automatisch und blitzschnell mit aufbrausender Aggressivität auf ihre Ohnmachtsgefühle. Das schürt Konflikte am Arbeitsplatz und gefährdet Ihre finanzielle Absicherung. Typische Szenen sind, dass der Vorgesetzte einmal harsch wird oder die Kollegen unwirsch werden. Die Konflikte eskalieren so sehr, dass sie in der Folge den Arbeitsplatz wechseln müssen. Entweder werden sie entlassen oder die Mitmenschen erscheinen ihnen so böse, dass eine Zusammenarbeit aus ihrer Sicht unmöglich wird. Dementsprechend bestehen die Therapieziele darin, mit ihnen gemeinsam ihre Gefühle zu identifizieren und zuzuordnen, ihre körperlichen Reaktionen und unbewussten Vorstellungen ins Narrative zu bringen sowie sie beim Erarbeiten anderer Reaktionsmöglichkeiten zu begleiten. Ziel ist es, Eskalationen zu vermeiden und stattdessen sanftere Begegnungsmöglichkeiten zu erarbeiten.
T. L.-M.: Was ist Ihrer Ansicht nach die größte Schwierigkeit bei der Arbeit mit dieser Klientel?
C. S.: Die Ungeduld. Sie wünschen sich eine schnelle Heilung, was wiederum schnell zu Enttäuschungen führt. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist, einen Mittelweg zu finden.
T. L.-M.: Können Sie bitte einige Beispiele für diese Extreme nennen?
C. S.: Ein Extrem ist der Wunschzustand. Der Wunsch, die Defekte ‚wegzuheilen‘ – Dann ist es wieder so gut wie vorher. Das andere Extrem ist der Ist-Zustand. Aufgrund des gegenwärtigen psychischen Zustandes ist nichts möglich.
T. L.-M.: Im Wunschzustand sind Sie der idealisierte „Doktor“, der den Defekt „wegheilen“ kann, eine Art allmächtiger Heilsbringer, von dem Sie eine Heilung erhalten. Im Ist-Zustand sind Sie dann das Opfer dämonischer Mächte, die Ihre Defekte verursacht und Sie zerstört haben. In beiden Fällen bleiben diese Patienten in einer passiven, erleidenden Position. Wo bleibt da die Selbstverantwortung? Damit kommen wir wieder auf den Aspekt des Passiv-Seins vs. Aktiv-Seins zurück.
C. S.: „Das ist genau der Punkt. In der Therapie geht es darum, eine Vorstellung von Selbstverantwortung zu entwickeln. Eine Selbstwirksamkeit, die nicht allmächtig ist, sondern Grenzen anerkennt. Es geht darum, sich die Frage zu stellen: „Was kann ich trotzdem tun?” Da fällt mir ein Patient ein, der seit einigen Monaten zu mir in die Therapie kommt. Es handelt sich um einen jungen Mann, der in seinem Herkunftsland gut integriert war. Er arbeitete in einem Unternehmen seiner Familie. Er ist Vater und hat eine sozial gut situierte Familie. Dann kam der Krieg. Er wurde immer wieder von unterschiedlichen Truppen verhaftet. Von einer dieser Truppen wurde er sogar mehrere Monate lang gefangen genommen und gefoltert. Nach seiner Freilassung entschied er nach langer Diskussion mit seiner Familie, nach Europa zu fliehen. Es begann ein langer Fluchtweg über mehrere Länder, genau zur Zeit der Pandemie. Schließlich kam er in Österreich an und erhielt zunächst den Asylstatus. Danach erfolgte die Familienzusammenführung. Anfänglich war er arbeitsmäßig gut integriert. Nach einigen Jahren wurden seine Traumafolgestörungen jedoch zunehmend sichtbar. Er musste oft die Arbeitsstelle wechseln und machte diverse Jobs. Es wurde immer schwieriger, bis er schließlich nicht mehr arbeitsfähig war. Er wünschte sich, er könnte arbeiten, aber es ist ihm nicht möglich. Er hat Schuldgefühle gegenüber seiner Familie und sich selbst, weil er seine Rolle als Mann und Vater nicht ausfüllen kann und nichts zum Familienleben beitragen kann. Dies löste wiederum häufig aggressive Ausbrüche aus, die mehr Konflikte in seinem Lebensumfeld auslösten.