Im Feuer des Krieges

Kein Schutz, kein Weg zur Flucht.

von Asma Ismaelzada

Wieder steigen Rauch und Flammen auf.
Ob aus Teheran oder Israel – was macht es für uns schon einen Unterschied?
Wenn der schwarze Rauch in den Himmel steigt,
verbrennen wir hier unten.

Ich kenne die Politik nicht,
doch ich die lebendige Erzählung eines Krieges.
Ich bin im Krieg groß geworden,
und wenn ich noch am Leben
bin, dann nur aus göttlicher Gnade.

Meine Kindheit, meine Jugend und mein Erwachsenwerden-
Sie alle wurden begleitet vom
Klang der Raketen, der Gewehre, der Schüsse.
Ich habe die Mädchen meiner Schule mit eigenen Augen gesehen,
wie sie schreiend davonliefen-verbrannt von Säure,
fliehend, dass ihre Haut nicht zerfalle.

Ich habe das verwundete Herz von Kabul
mit eigenen Füßen berührt,
als es in den Flammen des Krieges brannte.
Nicht aus der Ferne –
Ich atmete täglich zwischen Rauch und Trümmern, aber
lebendig war ich nicht.

Während eines Unterrichts zur Chirurgie im Krankenhaus in
Kabul,
erschütterte eine Explosion
alles.
Verletzte und getötete College-Klassenkameraden lagen um uns herum,
vom Rauch und den einstürzenden Decken konnte
ich kaum erkennen,
wer vor Schmerz und wer vor Angst schrie.
Die blinde Rakete riss das Herz des liebsten
College-Klassenkameraden – Walkil- in Stücke.
Vor meinen Augen schloss er
für immer seine Augen.
Nur sein Lächeln
verblieb bis heute in einem
leeren Bilderrahmen,
in den zitternden Händen seiner
Mutter.

Wir hofften auf einen anderen
Tag,
an dem die Geschichte der Verlorenen nicht nur auf Fotos
lächeln.
Aber der Krieg hörte nie auf.
Jeden Tag brach ein Teil
unseres Herzens mehr.
Wir blieben im Heimatland –
mit der Hoffnung,
dass der Frieden irgendwann
Einzug hält.
Aber er kam nie.

In einem Land, in dem
die Waffen sprechen
Und der Mensch schweigt.
Gerechtigkeit blieb stumm,
und Macht lag im Abzug des
Gewehrs.

Die Bewaffneten glaubten,
Himmel und Erde zu
beherrschen.
Wen sie wollten,
töteten sie …
und lachten danach
über seinem Leichnam.

So kamen wir – ich und meine
zwei Kinder- jenseits der
Grenze,
tausende Kilometer fern der
Heimat.
Unser Ort wechselte,
doch der Schmerz blieb derselbe.
Krieg daheim, leid in der
Fremde,
Trennung von Familie, verloren im Labyrinth der Politik.

Ich war ausgebildete
Ärztin, hatte zehn Jahre
Berufserfahrung in meiner
Fachrichtung.
Ich konnte Diagnosen
stellen, die besten Behandlungsmethoden
anwenden…
Doch hier wurde ich
eine stumme, eine unwissende
Frau.
Als wäre all mein Wissen
an der Grenze zurückgeblieben.
Seit Jahren bin ich nun hier:
Eine unschuldige Exilantin.
Einige meiner Angehörigen
wurden ins Nachbarland Iran
verschlagen-
mit starken Herzen, stillem Stolz
Und der Kraft, Bekleidungen zu ertragen..
Damit ihre Kinder
In Frieden groß werden und
lernen können.

Damit sie irgendwann nicht den Wunsch nach einem
Paar Schuhe haben müssen.

Und nun- da Iran und Israel im
Krieg sind,
werfen sie Bomben in den
Himmel des jeweils anderen.
Die Tauben wurden mit Kugeln
ersetzt.

Ich weiß nichts über diesen
Krieg,
verstehe keine Politik,
kenne keine
Hinterzimmerstrategien –
Aber eines weiß ich sicher:
Wenn das Feuer lodert,
dringt der dichte schwarze
Rauch
wie Kummer
In unsere Augen.

Und wieder verbrennen wir.
Wir – ohne Grenze,
ohne Zuflucht,
ohne Fluchtweg.
Wir, die noch nirgends Wurzeln
haben,
nicht einmal feste Schuhe für
die Flucht.

Wenn wir leben,
dann nur mit der Hoffnung auf
ein besseres Morgen –
ein Morgen, der die Krieger nicht kommen lässt.

Diejenigen, die den Krieg
beschließen,
wissen genau: Sie werden
weder Helden noch Sieger.
Sie bringen nur Zerstörung und
Elend.
Im Krieg gewinnt niemand –
Nur der Mensch stirbt,
und die Menschlichkeit mit ihm.

Wie immer töten Kriege
Unschuldige Mütter und Kinder.
Mütter, deren Häuser zerstört
wurden.

Heute sah ich in den
Schlagzeilen
Eine Mutter schreien:
Gestern habe ich ein neues haus gekauft,
heute ist mein Haus im Feuer
des Krieges verbrannt … Wohin
soll ich gehen?

Diejenigen, die die Kriegsknöpfe
Drücken,
vergessen, dass ihren Gewehren
tausnede unschuldige Kinder
gegenüberstehen…
Millionen stumme Mütter
Die niemals am politischen
Podium gesprochen haben.

Diese Mütter kennen keine
Politik,
haben keinen Platz am
Verhandlungstisch –
Nur einen Kloß im Hals.
Kein Schutz, kein Brot,
keine Fluchtmöglichkeit.

Wohin sollen diese armen
Mütter mit ihren Kindern fliehen,
dass keine Bomben auf sie
fallen?
Wohin sollen sie fliehen,
damit das Kind nicht vom Albtraum aus Feuer und Asche
erschüttert wird?

Ach, wenn Politiker nur Ohren
Hätten,
um die Schreie von Millionen
Menschen auf dieser Erde zu
hören…
die sagen:
Begrabt uns nicht länger
Unter der Asche des Krieges …
Nein zum Krieg,
nein zur Heimatlosigkeit,
nein zur Ungerechtigkeit.
Seid Menschen…bleibt einfach
Mensch – das genügt.

Und ich sage:
Ihr, stille Krieger hinter den Landkarten…
vergesst nicht:
Am Ende des Krieges auf dieser
vergänglichen Erde
Bleiben euch nur zwei Meter
Erde –
Und ein kalter Stein
Mit dem Namen grausamer Mörder.
Ein Stein,
auf den selbst der Regen nicht mehr weinen wird.

Wenn nur eines Tages
Alles Grenzen aus den herzen
Verschwinden könnten
Und wir nur „Menschen“ bleiben

Nicht Nationalität, nicht
Flüchtling, nicht Feind…
Nur Mensch
Unter einem einzigen blauen,
ruhigen Himmel,
mit einer Schar weißer Tauben.

Auf Hoffnung für Frieden und
Ruhe in allen Ländern der Welt.
Mit tiefem Schmerz,

Dein Freund,
Asma


Asma Ismaelzada
August 2025
Asma Ismaelzada ist Gynäkologin aus Kabul

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