von Jwan Haji
Als kleines Kind hatte ich einen ganz einfachen Wunsch: so wie andere Kinder auch wollte ich meine Muttersprache lernen. Ich wollte verstehen, was meine Familie sagt, wollte Geschichten hören und mich ausdrücken – in der Sprache, die mir eigentlich gehört. Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt.
Es war verboten. Uns wurde gesagt: Wenn ihr eure Muttersprache sprecht, werdet ihr bestraft. Wir wurden eingeschüchtert, unter Druck gesetzt – manche wurden sogar geschlagen. Ich erinnere mich noch genau an diese Worte, die wie ein Schatten über meiner Kindheit lagen.
Wir durften sie nicht lesen, nicht schreiben, nicht lernen – nicht einmal sprechen. Die Sprache, die unsere Identität ausmacht, wurde uns systematisch weggenommen.
Heute kann ich sie zwar sprechen, aber nicht richtig. Nicht so, wie ich es könnte, wenn man mir die Chance gegeben hätte. Ich spreche mit Akzent, mir fehlen oft die Worte, und beim Schreiben oder Lesen fühle ich mich wie ein Kind, das nie zur Schule gehen durfte.
Viele Kinder meiner Generation haben Ähnliches erlebt. Wir wurden ausgegrenzt, beschämt, gedemütigt – nur weil wir anders waren. Nur weil wir eine andere Sprache hatten. Ich bin einer von vielen, die bis heute die Folgen dieser Diskriminierung tragen.
Ich kann wenig lesen und schreiben. Nicht, weil ich es nicht wollte – sondern weil man es mir nicht erlaubt hat.
Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. Sie hat Angst hinterlassen. Verwirrung. Und eine Lücke, die schwer zu schließen ist:
Jwan Haji
Sozialarbeiter, Salzburg
Schreibwerkstatt Mai 2025