Damit meine Geschichte nicht verloren geht

Ich habe meine Geschichte nicht gewählt.

Ich habe nicht gewählt, den Krieg zu erleben.

Nicht die Explosionen.

Nicht die Nächte voller Angst.

Nicht die Stille danach- eine Stille, die lauter war als jeder Knall, gefüllt mit den

Geräuschen des Todes.

Und trotzdem musste ich vor meinen Kindern lächeln.

Musste ihnen sagen, dass alles in Ordnung sei.

Dass wir noch leben. Dass wir sicher sind.

Ich musste meine Angst verstecken, meine Tränen trocknen, während das einjährige

Kind meiner Nachbarin starb.

Ich musste Anrufe ignorieren und bin mit meinen Kindern nicht in den Keller

gegangen, um sie davor zu schützen, die schlimme Realität zu hören.

Damit sie nicht zu einer weiteren Geschichte über Kinder werden, die lebendig unter

den Trümmern eines Hauses gestorben sind – eines Hauses, das einmal ein

Zuhause war.

Also drehte ich die Musik laut auf.

Ich tanzte mit ihnen, mit einem weinenden Herzen und einem falschen Lächeln.

Ich erzählte schöne Geschichten über ein Land, das einmal unser Zuhause war.

Ein Land, das damals Syrien hieß.

Ich habe sicher nicht gewählt.

Ich habe nicht gewählt, dass meine Kinder all das sehen mussten, all das erleben

mussten.

Ihre Augen waren viel zu jung, um zu begreifen, was um sie herum geschah.

Zu jung, um den Tod kennenzulernen.

Zu jung, um zu verstehen, warum ihre Freunde plötzlich verschwanden.

Freunde, die sie liebten.

Ich habe nicht gewählt, dass mein Mann uns verlassen musste – aus Angst, dass wir

mit ihm sterben könnten.

Im Meer. In einem Lastwagen, atemlos.

Auf der Flucht in eine Freiheit, die niemand garantieren konnte.

Und ich habe nicht gewählt, zwei Jahre im Krieg zu bleiben.

Zwei Jahre allein mit drei kleinen Kindern, die noch an Spielplätze glaubten, frei von

Pistolen.

An Straßen ohne Bomben.

An einen blauen Himmel, unter dem Flugzeuge Menschen bringen – nicht den Tod.

Ich habe meine Geschichte nicht gewählt.

Nicht einmal den Tag, an dem ich mein Zuhause verließ und die Tür hinter mir

schloss.

Meine Kinder mussten ihre Lieblingsspielzeuge zurücklassen. Kleine Dinge, aber für

sie war es eine ganze Welt.

Ich wusste nicht, ob es besser werden würde.

Ich wusste nur, dass wir gehen mussten.

Ich habe nicht gewählt, meine Mutter zurückzulassen.

Meinen Bruder.

Meine kleine Nichte, die gerade erst laufen lernte.

Meine Freundin aus Kindertagen, mit der ich unzählige Male Kaffee getrunken habe.

Die Straßen meiner Kindheit.

Die Schule, in der ich groß geworden bin.

Und ich habe sicher nicht gewählt, dass meine Kinder all das ebenfalls verlassen

müssen.

Ich habe mir nicht ausgesucht, Ausländerin zu sein.

In einem neuen Land zu stehen, mit einer Sprache, die mir fremd war,

und einem Leben, das ich von vorne beginnen musste,

nachdem ich alles verloren hatte wegen etwas, das ich nie gewählt habe.

Die Nächte waren still. Zu still.

Ohne Familie. Ohne Freunde.

Es gab nur einen Wunsch:

dass meine Kinder überleben.

Und ich musste stark sein,

Und ich musste stark sein, auch in Momenten, in denen ich innerlich zerbrach.

Ich habe diese Geschichte nicht gewählt.

Und doch ist sie meine.

Sie lebt in meinen Erinnerungen,

in meiner Stimme,

in jedem Schritt, den ich heute gehe.

Aber ich habe gewählt, wie ich weitergehe.

Ich habe gewählt, ein Licht am Ende dieses dunklen Tunnels zu sehen.

Ich habe gewählt, nicht aufzugeben.

Für mich.

Für meine Kinder.

Auch wenn jeder Schritt schwer war.

Ich habe gewählt, Hoffnung zu tragen,

selbst wenn sie nur leise in mir flackerte.

Ich habe gewählt, meine Augen zu schließen,

wenn mir feindliche Blicke begegneten,

und meine Ohren,

wenn Worte fielen, die verletzen sollten.

Und ich gehe weiter.

Weil ich gewählt habe, zu leben.

Heute erzähle ich meine Geschichte

nicht nur mit Schmerz,

sondern mit Würde.

Mit Mut.

Und mit der Kraft, weiterzugehen.

-Hadil Shami

Schreibwerkstatt 2026

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